In den letzten zwei Wochen stand ich vor einer besonderen Herausforderung in meiner Rolle als Mutter und Coach: Meine Tochter war überraschend zum Vorsingen für die nächste Leistungs- und Altersstufe ihres Chors eingeladen worden. Soweit die gute Nachricht. Die Herausforderung bei der Sache: Wir hatten nur eine gute Woche Zeit für die Auswahl und Einstudierung eines Stücks. Vorschläge zum Repertoire hatten wir schnell zusammen. Meine Tochter lehnte diese jedoch alle ab. Dafür kramte sie ein anderes Lied aus ihrer Schulkiste heraus, das sie gerne im Schulchor der Grundschule gesungen hatte. Auch wenn ich von der Auswahl nicht wirklich überzeugt war, überließ ich meiner Tochter die Entscheidung ohne einen weiteren, wertenden Kommentar. Schließlich musste sie ja vorsingen und nicht ich.

Auf dem Weg zur Lösung

Da das Notenpapier aus der Schulkiste seinem Namen nicht wirklich gerecht wurde, weil es nur den Text aufwies und keinen Aufschluss über Tonart und mögliche Begleitung zuließ, begab ich mich auf die Suche, nach legal erwerbbaren Noten. Zum Glück wurde ich schnell fündig. Einen weiteren Tag später starteten wir mit unserem Projekt. Wir nahmen uns vor, 15 Minuten Zeitaufwand pro Tag nicht zu überschreiten. Meine Klavierkenntnisse beschränken sich auf das Wesentliche, was die Begleitung von Sängern betrifft. Auch die gerissene Kapsel am Ringfinger verbesserten die Qualität meines Spiels nicht nennenswert. Dennoch blieben wir am Ball. Es gab gute Sequenzen, weniger gute Proben, Highlights und herzliche Lacher, aber auch Tage, an denen wir ein bisschen frustriert auseinander gingen.

Coaching-Impulse

Am Tag des Vorsingens hing die Laune und das Selbstvertrauen meiner Tochter ziemlich in den Seilen. Unsere gemeinsame “Hauptprobe” stellte uns beide nicht zufrieden. Ein Impuls musste her. Was nicht immer gelingt, gelang an diesem Tag: Ich schlug meiner Tochter vor, an die Verkleidungskiste zu gehen und sich ein oder zwei Accessoires heraus zu suchen, die ihr gefielen und mit denen Sie dann “ihre Rolle spielen konnte”. Gesagt, getan, sie nahm den Vorschlag an. Als Bühne diente spontan das Fußteil unseres Sofas. Und dann war es soweit: Meine Tochter betrat die Sofa-Bühne mit lila XXL-Riesenbrille und Regenbogen-Afro-Perücke.

Der Auftritt

Und da war er, ihr Auftritt. Dem Stück Notenpapier wurde plötzlich Leben eingehaucht. Sie ummalte mit Leichtigkeit und Schwung den Text des doch einfachen Liedes mit verschiedenen Klangfarben und hatte sichtlich Spaß, von quietschenden Reifen, einem schweigenden Bussard, einer verwegenen Amsel und surrenden Fahrradpedalen zu singen. Große Freude und Stolz stellten sich ein. Genau das richtige Feeling für das Vorsingen. Ich schlug meiner Tochter vor, die Accessoires einzupacken und mit zum Vorsingen zu nehmen. Auf Ihren Einwand, dass sie doch damit nicht auftreten könne, stellte ich folgende These auf: “Die Sachen entfalten auch in deiner Tasche ihre volle Wirkung. Es genügt, dass du dir vorstellst, wie du dir Perücke und Riesenbrille aufsetzt.”

Große Freude

Ob meine These stimmte, sollte ich 2 Stunden später erfahren. Ich wartete in der Herbstsonne vor der Opernpforte, als ein strahlendes Mädchen aus der Tür gehüpft kam. “Mama, es hat gut geklappt. Ich habe als erstes vorgesungen und vorher in Gedanken meine Perücke und Brille aufgesetzt. Und weißt du was? Ich hatte sogar noch eine Krone in der Tasche! Sie haben gesagt, ich war sehr mutig und habe schön und laut gesungen!”

Fazit

Im Hinblick auf meine Arbeit im Coaching mit Frauen und Müttern hat mir diese Selbsterfahrung wieder einmal bestätigt, dass man als Eltern nicht in alle Angelegenheiten der Kinder “seine Erwachsenen-Nase ganz tief rein stecken muss”, sondern dass die Kinder oft souverän und eigenständig ihren Weg finden, wenn wir ihnen den Raum dafür geben. Unsere Aufgabe ist es dabei,  zuzulassen, dass Kinder einen anderen Weg wählen als wir selbst es vielleicht tun würden und ihnen das Vertrauen zu schenken, die richtige Entscheidung für sich zu treffen.

Die kleine aber feine Coaching-Intervention mit der Kostümierung lässt sich natürlich nicht nur im musikalischen Bereich einsetzen. Vielmehr lässt sie sich auch wunderbar auf andere Herausforderungen des Alltags übertragen. Hier gibt es unzählige Spielmöglichkeiten in der Beratung von Klienten. Es ist z.B. nützlich, wenn es im Job-Coaching um die Vorbereitung von Vorstellungsgesprächen geht. Bei der Bearbeitung von Prüfungsangst ist es ebenfalls sehr hilfreich. Auch wenn Klienten einen Weg suchen, um Aufregung und Stress in beruflichen Situationen zu reduzieren, dient es ebenfalls als alltagstaugliches Tool zur Unterstützung der Handlungsfähigkeit.